Stories

Nasreddin ist der Name eines prominenten Protagonisten humoristischer Geschichten vom Balkan bis Zentralasiens. Es wird angenommen, dass er im 13./14. Jhd. in Akşehir im südwestlichen Anatolien gelebt hat.

Nasreddin, so heißt es, ging eines Tages über den Basar. Plötzlich hörte er Lärm und Geschrei aus einer Garküche. Wie ihr wisst, ist Nasreddin sehr neugierig. Er ging sogleich hinein und sah, wie der dicke, rotmäulige Wirt einen Bettler am Kragen schüttelte, weil der Bettler nicht zahlen wollte.

„Was ist denn das hier für ein Lärm?“, fragte unser Nasreddin.

„Dieser Landstreicher“, brüllte der Wirt, „dieser verfluchte Strolch kam in meine Küche – mögen seine Eingeweide verdorren! Er holte einen Brotfladen aus der Tasche und hielt ihn so lange über den Bratspieß, bis er nach Hammelfleisch roch und noch einmal so gut schmeckt. Dann aß er den Fladen auf und nun will er nicht zahlen. Mögen ihm die Zähne im Munde verfaulen!“

„Stimmt das?“, fragte Nasreddin den Bettler streng, der vor lauter Angst kein Wort hervorbrachte und nur mit dem Kopf nickte.

„Das ist nicht gut“, sagte Nasreddin. „Es ist unrecht, fremdes Gut ohne Bezahlung zu benutzen.“

„Hörst du, was dieser ehrwürdige Mann dir sagt, du zerlumpter Strolch?“, fragte der Wirt erfreut.

„Hast du Geld?“, fragte Nasreddin den Bettler. Dieser holte schweigend ein paar Kupfermünzen aus der Tasche.

Gleich streckte der Wirt seine Pfote aus.

„Warte noch, o Meister des Wohlgeschmacks“, hielt ihn Nasreddin zurück.
„Horch, mal!“ Er schüttelte die hohle Faust vor dem Ohr des Wirtes und ließ die Münzen eine Weile klimpern.

Dann gab er dem Bettler das Geld zurück und sagte: „Ziehe hin in Frieden, armer Mann.“

„Was?“, rief der Wirt aus. „Ich habe das Geld doch gar nicht bekommen!“

„Er hat dich bezahlt und ihr seid quitt!“, antwortete Nasreddin.
„Er roch den Duft deines Bratens und du hörtest den Klang seines Geldes!“

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DIE GESCHICHTE VOM BEHARRLICHEN HOLZFÄLLER – Jorge Bucay

Es war einmal ein Holzfäller, der bei einer Holzgesellschaft um Arbeit vorsprach. Das Gehalt war in Ordnung, die Arbeitsbedingungen verlockend, also wollte der Holzfäller einen guten Eindruck hinterlassen.

Am ersten Tag meldete er sich beim Vorarbeiter, der ihm eine Axt gab und ihm einen bestimmten Bereich im Wald zuwies.

Begeistert machte sich der Holzfäller an die Arbeit.

An einem einzigen Tag fällte er achtzehn Bäume.

“Herzlichen Glückwunsch”, sagte der Vorarbeiter. “Weiter so.”

Angestachelt von den Worten des Vorarbeiters, beschloss der Holzfäller, am nächsten Tag das Ergebnis seiner Arbeit noch zu übertreffen. Also legte er sich in dieser Nacht früh ins Bett.

Am nächsten Morgen stand er vor allen anderen auf und ging in den Wald.

Trotz aller Anstrengung gelang es ihm aber nicht, mehr als fünfzehn Bäume zu fällen.

‘Ich muss müde sein”, dachte er. Und beschloss, an diesem Tag gleich nach Sonnenuntergang schlafen zu gehen.

Im Morgengrauen erwachte er mit dem festen Entschluss, heute seine Marke von achtzehn Bäumen zu über, treffen. Er schaffte noch nicht einmal die Hälfte.

Am nächsten Tag waren es nur sieben Bäume, und am übernächsten fünf, seinen letzten Tag verbrachte er fast vollständig damit, einen zweiten Baum zu fällen.

In Sorge darüber, was wohl der Vorarbeiter dazu sagen würde, trat der Holzfäller vor ihn hin, erzählte, was passiert war, und schwor Stein und Bein, dass er geschuftet hatte bis zum Umfallen.

Der Vorarbeiter fragte ihn: “Wann hast du denn deine Axt das letzte Mal geschärft?”

“Die Axt schärfen? Dazu hatte ich keine Zeit, ich war zu sehr damit beschäftigt, Bäume zu fällen.”
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DIE ZWEI KÖNIGE UND DIE ZWEI LABYRINTHE – Jorge Luis Borges

Von glaubwürdigen Menschen wird erzählt (doch Allah weiß mehr), dass es in den frühesten Tagen einen König der Inseln von Babylon gab, der seine Baumeister und Magier um sich versammelte und ihnen auftrug, ein so verzwicktes und ausgetüfteltes Labyrinth zu bauen, dass die klügsten Männer nicht wagen sollten, hineinzugehen, und die hineingehen würden, sich verirren sollten. Dieses Werk war ein Ärgernis, denn die Verwirrung und das Wunder sind Gott vorbehaltene Handlungen, nicht aber der Menschen. Als die Zeit verging, kam an seinen Hof ein König der Araber, und der König von Babylon (um der Einfalt des Gastes zu spotten) ließ ihn in das Labyrinth hineingehen, wo er erschreckt und verwirrt bis zum sinkenden Abend herumschweifte. Da erflehte er Gottes Beistand und fand die Türe. Von seinen Lippen fiel keine Klage, doch sagte er zu dem König von Babylon, in Arabien habe er ein anderes Labyrinth, und wenn Gottes Wille geschehe, wolle er ihn eines Tages damit bekannt machen. Dann kehrte er nach Arabien zurück, sammelte seine Hauptleute und Gemeindeobersten und verwüstete die Ländereien Babylons unter einem derart günstigen Stern, dass er ihre Festungen schleifte, ihre Leute aufrieb und selbi- gen König gefangennahm. Er schnallte ihn auf ein schnelles Kamel und brachte ihn in die Wüste. Sie ritt- ten drei Tage, da sprach er zu ihm: “O König der Zeit und der Beständigkeit, du Inbegriff des Jahrhunderts! In Babylon wolltest du mich in einem Labyrinth aus Bronze verderben, mit vielen Treppen, Türen und Mauern; jetzt hat es dem Allmächtigen gefallen, dass ich dir meines zeige, wo keine Treppen zu ersteigen, keine Türen aufzustoßen, auch keine ermüdenden Gänge zu durchwandern sind und wo keine Mauern dir den Weg verlegen.”
Darauf band er ihn von seinen Fesseln los und verließ ihn inmitten der Wüste, wo er an Hunger und Durst starb. Ruhm sei bei Ihm, der nicht stirbt.